Gesellschaftliche Integration von Menschen mit Behinderungen

Sammelleidenschaft

AKTUELLES

10.06.2020 – Zum Gedenken an Bernd Schade

geboren am 27.4.1955
verstorben am 30.5.2020

Liebe Betreute,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

Abschiedsfeiern von Menschen, die bei GIB gelebt haben, haben eine lange Tradition, die schon vor der Gründung von GIB entstanden ist. Schon in der Heiltherapeutischen Abteilung (HTA) in der Karl-Bonhoeffer-Klinik (KBoN) haben wir uns seit 1994 von den verstorbenen Patienten in dieser Form in der Dietrich Bonhoeffer-Kirche der Klinik verabschiedet. Im Lauf der Jahre bis heute hat sich daraus ein Ritual mit einem festen Rahmen entwickelt.

Mehr als ein viertel Jahrhundert war Pfarrer Bernd Schade eine wichtige und unverzichtbare Größe dieser Abschiedsfeiern. Auch heute war nun in der Dietrich Bonhoefferkirche eine Abschiedsfeier. Viel zu früh haben wir von Bernd Abschied genommen.

Von seinem Sohn Lukas habe ich den Termin erst Ende letzter Woche erfahren. Ernestine Brauns und ich haben an dieser Abschiedsfeier teilgenommen.

Bernd und ich haben in diesen Jahrzehnten eine Freundschaft entwickelt. Wir haben uns nicht so oft gesehen, dennoch war die Verbindung zwischen uns innig. Aber auch seine Beziehung zu GIB war sehr eng.

Leider habe ich erst bei der Feier erfahren, wie eng diese Verbindung war. Mit seiner Familie hatte er diesen Abschied genau vorbesprochen. Eine entsprechende E-Mail mit einer detaillierten Beschreibung des Ablaufs hat mich nicht erreicht, so dass ich diese erst in der Kirche von seiner Ehefrau erhalten habe. Zugegebenermaßen war ich doch überrascht, als ich diese gelesen habe. Neben persönlichen Liedern, die er sich gewünscht hat, orientiert sich der Ablauf sehr an dem, was wir gemeinsam mit den Betreuten und Mitarbeitern all die Jahre zelebriert haben.

Der GIB-Chor sollte singen, und ich sollte in persönlichen Worten – wie in all den Jahren für die verstorbenen Betreuten – seinen Lebenslauf vortragen.

Das hat nun meine Pulsfrequenz deutlich ansteigen lassen, wie in speziellen Situationen, wenn wir – viel zu selten – mit den Motorrädern unterwegs waren.

Ich habe versucht, mir sehr rasch Stichpunkte zu notieren. Den GIB-Chor konnte ich so schnell leider nicht mehr aktivieren.

Im Nachhinein habe ich nun meine Gedanken zu Papier gebracht.

Wer war Bernd? Was hat unsere Beziehung geprägt?

Am 27.4.1955 in Berlin geboren – in einem unserer Gespräche meinte er einmal, dass er auf dem Motorrad geboren worden sei – begann er nach der Schule ein Theologiestudium, das er dann jedoch unterbrach, um von 1979 – 1981 eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker zu absolvieren. Die dabei erlernten Fähigkeiten und Kenntnisse haben ihm beim „Schrauben“ sein ganzes Leben gedient. Seine berufliche Aufgabe war aber doch wohl Gott, so dass er sein Theologiestudium abschloss.

1992 kam er als Klinikpfarrer in die KBoN, in der er auch für das Krankenhaus des Maßregelvollzugs zuständig war.

Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt schon 11 Jahre an dieser Klinik. Zusammen mit Dipl.-Psych. Michael Marterer als Abteilungsleiter habe ich die HTA ärztlich geführt. Als Bernd kam, waren wir nicht nur mit unserer Enthospitalisierung weit vorangeschritten, sondern hatten schon längst die Türen der Stationen geöffnet.

Wenige Meter südwestlich von der Dietrich Bonhofferkirche liegt das Haus 7, damals mit den Stationen 31 und 32. Die Patienten zeigten ihre Lebensfreude im Garten gern durch lautes Schreien, das sich für ungeübte Ohren auch mal bedrohlich anhören konnte. Da Bernd keiner war, der weggeschaut hat, hat er mich – ich meine im Herbst 1992 – angerufen, um zu fragen, ob er sich angesichts des anhaltenden Schreiens Sorgen machen muss. So haben wir uns kennen gelernt. Ich bin mit ihm über die Station gegangen und durch den Garten, um ihn mit unseren Patienten bekannt zu machen. Viele von ihnen konnten aufgrund des Schweregrades ihrer Behinderung nicht sprechen, so haben sie sich in ihrer Sprachlosigkeit durch Schreien Gehör verschafft. Unsere Liebe zu Menschen, die etwas anders sind, manchmal sehr anders als der Durchschnitt, hat uns rasch verbunden.

Eine „Zusammenarbeit“ hat sich dann durch die eingangs erwähnten Abschiedsfeiern ergeben. Im Lauf der Jahre haben die Weihnachts-Gottesdienste eine Bedeutung erhalten. Mit Betreuten haben Petra Rahn und Stefan Janotte die berühmte lebende GIB-Krippe gestellt.

So entstand im Lauf der Jahre eine sehr persönliche Beziehung, ja, Freundschaft zwischen uns.

Das gemeinsame Motorradfahren kam viel zu kurz, dennoch unvergessen: Mit der Gruppe, die die Weiße Nächte-Tour 2010 gemacht hat, bin ich wenigstens bis nach Frankfurt/Oder gefahren und habe den Startgottesdienst in der Marienkirche mitgemacht. Auf der Rückfahrt nach Berlin habe ich mir fest vorgenommen, eine dieser großen Fahrten einmal mitzumachen. Aber immer schien die Arbeit wichtiger.

Auch bei der Pilgerfahrt mit 2.000 PS nach Rom bin ich nur nach Wittenberg mitgefahren. Auch das war ein für mich unvergessliches Erlebnis. Mit einer Gruppe war ich dann im Lutherjahr 2017 einige Tagen auf den Spuren Luthers in Thüringen mit ihm unterwegs. Alle, die jemals an den Gedenk- und Mahnfahrten, die er organisiert hat, teilgenommen haben, werden nie vergessen, wenn auf dem Maifeld vor dem Olympiastadion mehr als 5.000 Fahrer auf ihren Anlasser gedrückt haben.

Ein sehr persönlicher Tag für meine Familie war der 19. September 2015: Er taufte meinen ersten Enkel Mio Lutz. Am 9.6.2018 war die Taufe meiner Enkelin Fina Emma. Da hing jedoch schon ein dunkler Schatten über uns. Kurz davor hat er die Diagnose Pankreaskarzinom, Bauchspeicheldrüsenkrebs, erhalten. Er wollte seine ganze Kraft im Kampf gegen diesen Krebs einsetzen und hat alle Termine gecancelt.

Wer konnte besser wissen als ich, was diese Diagnose bedeutet. Hart und verbissen hat er gekämpft und bei manchen Tiefen, in denen er auch mit „seinem Gott“ haderte, hat er erstaunlich lange die Oberhand behalten. Bei unseren Gesprächen haben wir uns gemeinsame Ziele gesetzt. Ein Ziel war der Weihnachtsgottesdienst 2019 mit lebender GIB-Krippe und die Verabschiedung seines langjährigen Kollegen Pater Helmut. Dieses Ziel hat er erreicht.

Unser nächstes Ziel war die Klosterfahrt nach Albanien. Endlich habe ich mir dafür den Termin im Kalender freigehalten. Beide hofften wir, dieses Ziel zu erreichen, beide wussten wir, dass das eine Abschiedsfahrt würde. Umso wichtiger war mir, dieses Ziel auch tatsächlich zu erreichen.

Als ich zuletzt einige Zeit nach Ostern mit ihm telefoniert habe, war schon klar, nicht nur Corona hatte uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Erstmals fehlte sein kämpferischer Geist, Resignation schwang mit und auch Ärger, dass der Krebs wohl doch stärker war als er.

Uns beiden war es wichtig, über das zu sprechen, was uns über all die Jahre verbunden hat und welche Bedeutung wir für einander haben. Von ihm habe ich den Begriff des „Führenden Blicks“ gelernt, der für mich privat und beruflich wichtig war (auch nachzulesen in unserem Buch „Zeichen und Wunder“, 2017, edition GIB).

Am Samstag, den 30. Mai 2020, vor dem Pfingstfest, an dem der Geist Gottes über seine Jünger kam und sie in fremden Zungen redeten und sich dennoch alle verstanden, hat Bernd seinen letzten großen Ritt angetreten.

Übermorgen hätten wir uns eigentlich in die Sättel gesetzt, um nach Albanien zu fahren. Ich bin traurig. Das wird sich nun definitiv nicht mehr nachholen lassen.

Lieber Bernd, so eigen, wie wir beide waren, darfst Du sicher sein, dass Du ganz eigen in meinen Gedanken weiterlebst. Ein letztes Mal grüße ich Dich mit der – auch in der Kurve möglichst lässig – leicht gehobene Hand, von Bike zu Bike.

Dein Erik

10. Juni 2020
Erik Boehlke


Bilder der Abschiedsfeier von Bernd Schade und Bilder einer von ihm begleiteten Abschiedsfeier einer GIB-Bewohnerin sehen Sie in der Fotostrecke.


Bernd Schade 1955 - 2020

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